Arbeit mit Kindern in der Übergangsphase

  

Die im Lehrplan für schwerstbehinderte Kinder vorgesehene „Übergangsphase“ umfasst die letzten Jahre der Pflichtschulzeit. Der Wechsel vom regulären Schulalltag mit klar definierten Inhalten und Arbeitsaufträgen zum selbstbestimmten Leben erfordert für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf ein sehr behutsames und individuelles „Begleiten“ durch alle beteiligten Bezugspersonen.

Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass für diesen bedeutenden Lebensabschnitt das neunte Schuljahr bei weitem nicht ausreicht, einen jungen Menschen mit geistiger Behinderung zu befähigen, sein Leben im Wechsel von Arbeit und Freizeit weitgehend selbstbestimmt zu gestalten.

Viele Erfahrungen und Erlebnisse bleiben schwerstbehinderten Kindern verschlossen, sie werden zwar in integrativen Formen der Schule miterlebt und teilweise nachgemacht, können aber nicht verarbeitet oder als lebensbedeutsam erkannt werden. In weiterer Folge haben sie kaum Möglichkeiten, ihre Erfahrungen in praktischen Alltagssituationen zu erproben. Erfolgs – und Misserfolgserfahrungen fehlen demnach in fast allen Bereichen der personalen und sozialen Entwicklung.

Genau hier liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit.

Beim Erlernen kognitiver Fähigkeiten werden Leistungsgrenzen früher oder später erreicht und als solche auch respektiert. Die Abwägung, ob sich der Aufwand für das Erlernen von einigen Buchstaben noch lohnt, oder ob man sich eher auf Gruppenfähigkeit und Ausdauer in Beschäftigung und Arbeit konzentriert, wird auch von den Wünschen und Vorstellungen der Eltern massiv beeinflusst.

Eine Einschätzung über den noch zu erreichenden Lernerfolg in der Schulzeit ist bei Kindern mit erhöhtem Förderbedarf immer das Ergebnis von Kompromissen zwischen Eltern und Schule. Beide Teile sind sich jedenfalls einig in der Annahme, dass das Erlernen abstrakter Inhalte nur bedingt und mit sehr großem Aufwand unter Einbeziehung aller pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen möglich ist.

Leben in einer Gemeinschaft mit Aufgaben und grundlegenden Rechten für jeden einzelnen Menschen ist jedoch keineswegs abstrakt.

Dem versuchen wir in unserer Arbeit mit Jugendlichen in der Zeit zwischen der Pflichtschulzeit und Arbeit Rechnung zu tragen. Wir wollen ein Zusatzangebot schaffen, das sowohl der pädagogischen Arbeit der Hauptschule als auch den Anforderung einer Nachfolgeinstitution gerecht werden kann. In diesem Spannungsfeld finden ja auch die Prozesse der Loslösung vom Elternhaus und die körperliche / sexuelle Entwicklung statt – und zwar ohne Rücksicht auf die Schwere der Behinderung.

Schwerstbehinderte Jugendliche landen nach Absolvierung ihrer Schulzeit sehr selten in sozial integrativ organisierten Arbeitsprozessen, sie können daher auch kaum die gewohnten Strukturen aus ihrer Schulzeit lebenspraktisch anwenden oder erleben. Sie müssen zusätzlich lernen, in einer offeneren Sozialstruktur und unter weniger geschützten Bedingungen zu bestehen. Diese „Lehrzeit“ wollen wir ermöglichen.

Wir glauben, die gesetzlich vorgesehene Berufsausbildung für nicht behinderte Menschen, die sich für eine bestimmte Qualifizierung entschieden haben, steht auch schwerstbehinderten Jugendlichen zu.

 

Unsere Kinder der S 4 Klasse der Nikolaus Lenau Schule in Gmunden zeigen uns ständig und sehr eindrucksvoll, was sie noch brauchen um möglichst selbstbestimmt und unabhängig ihr Leben meistern zu können!

 

Tages – und Wochenstruktur

 

Die Unterteilung eines Schul – oder Arbeitstages in einzelne, kurze Einheiten ist für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf kaum nachvollziehbar. Erschwerend kommt hinzu, dass in Hauptschulen mit dem Unterrichtsinhalt oft auch die Personen wechseln. Vielfach wird dann die Klasse einfach getrennt, der Sonderschullehrer ist für seine Kinder mit SPF nicht nur durchgehend hauptverantwortlich, es wird auch immer öfter der Klassenverband aufgelöst. Ein Nebeneinander von zwei Klassen ist die Folge.

Dennoch bleibt in der so entstandenen „Sonderschulklasse“ die Struktur des Tagesablaufes meist abhängig vom Stundenplan der Hauptschulklasse!

Vielfach finden auch die einzelnen Unterrichtsfächer parallel statt, das ist auch anders kaum durchführbar.

Wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit mit den Kindern ist ein für alle verbindlicher, detaillierter Wochenplan auf einer großen Pinnwand.

Wir beginnen am Montag mit einem kleinen gemeinsamen Frühstück und am Freitag endet unsere Woche im Cafehaus. Beide Fixpunkte wurden zum Ritual für die Gruppe.

Lern – und Arbeitseinheiten werden auf mindestens zwei Stunden durchgehend ausgedehnt, wobei die Inhalte in dieser Zeit gleich bleiben. Wir arbeiten mit Fotos, Piktogrammen und Schrift, der aktuelle Zeitpunkt und die entsprechende Tätigkeit kann jederzeit abgelesen werden, Lehrer sind dafür nicht notwendig.

Die Klasse wird mehrmals in der Woche in Kleingruppen geteilt, wobei die dort angebotenen Arbeiten schon zum Teil zur Spezialisierung auf bestimmte Tätigkeiten führen sollen. Größtmögliche Selbstversorgung und Organisation der gesamten Gruppe wird angestrebt. Wir versorgen uns selbst mit Jause, an langen Tagen mit einem Mittagessen, Materialien werden nach Bedarf in entsprechenden Geschäften besorgt.

Derzeit haben wir an zwei Tagen der Woche auch Nachmittagsunterricht, mehr sind leider nicht möglich.

  

Arbeitstraining – Suche nach Spezialisierung

 

Wir haben derzeit die ideale Voraussetzung, den zukünftigen Arbeitsplatz unserer Schüler und das dortige Angebot zu kennen. So können wir gezieltes Arbeitstraining anbieten und Abläufe üben. Unsere Schüler werden praktisch für eine bestimmte Tätigkeit ausgebildet, sofern diese dem momentanen Bedürfnis entspricht. Darauf wird bei der Zusammensetzung der Kleingruppen Rücksicht genommen.

Es gibt bereits eindeutige Außenarbeiter, die mit Schaufel und Straßenbesen umgehen können, andere sind prädestiniert für Küche oder Textilarbeit. Industriearbeit hängt leider vom Angebot diverser Firmen ab, wir haben aber auch hier schon Möglichkeiten, Ausdauer und Genauigkeit für diesen Bereich zu trainieren.

Beim Arbeitstraining in Kleingruppen stießen wir bald auf Probleme zwischenmenschlicher Art. Es wird später noch genauer darauf eingegangen, hier möchte ich aber bereits erwähnen, dass Freundschaften und Beziehungen oder auch Abneigungen gegeneinander eine sehr wesentliche Rolle bei der Gruppenzusammensetzung spielen. Abwehrmechanismen oder für uns alle selbstverständliche Umgangsformen mit Kollegen im Arbeitsprozess sind unseren Schülern nämlich kaum geläufig oder schlicht und einfach egal. Wenn eine Gruppe aber nur dann zusammenbleibt, weil die Betreuung das erzwingt, wird die Individualität der Person zwangsläufig zerstört.

In unserer   Gruppe können wir für folgende Arbeitsbereiche trainieren:

  

  • Küche

 -         Erstellen von Einkaufslisten für die ganze Woche

-          Kostenschätzung

-          Einkauf, Preisvergleiche

-          Lagerung von Lebensmitteln

-          Herstellen von Säften, Konserven, Brot

-          Tisch decken, kochen, servieren, Abwasch

-          Grundbegriffe der Hygiene und noch einiges mehr

 

  • Arbeit mit Textilien

 

-          Schmutzwäsche sortieren

-          Wasch – und Trocknungsvorgang

-          Bügeln mit Bügelmaschine und Bügeleisen

-          Grundbegriffe im Umgang mit der Nähmaschine

-          Einfache Nähte

-          Stoffe bedrucken, färben mit verschiedenen Techniken

 

  • Holzwerkstatt

 

-          Umgang mit gängigen Holzbearbeitungsmaschinen

-          Unfallschutz

-          Herstellen einfacher Gegenstände aus Holz

 

  • Ton – Keramik

 

-          Ton als Werkstoff bearbeiten

-          Aufbaukeramik

-          Töpferscheibe

-          Roh – und Glasurbrand

-          Einfache Gebrauchsgegenstände aber auch kreative Verarbeitung

 

  • Haushalt

 

-          Reinigungsarbeiten in der Klasse (vgl. privater Lebensbereich)

-          Umgang mit Haushaltsgeräten

-          Schuhe putzen

 

  • Gartenarbeit

 

-          Errichtung von Gartenbeeten

-          Anbau von Gemüse

-          Gießen, Jäten, Pikieren

-          Ernten

-          Haltbar machen durch Trocknung, Einkochen, Einlegen, (siehe: Küche)

 

  • Industriearbeit

 

Dieser Bereich ist in fast allen Werkstätten etabliert und hängt vom Angebot durch außenstehende Betriebe ab, die Arbeiten auslagern können oder wollen. Meist handelt es sich um furchtbar monotone Tätigkeiten, die bei manchen Mitarbeitern aber zu langen konzentrierten Arbeitsphasen führen können. Es kann kaum etwas falsch gemacht werden, Erfolg ist somit garantiert. Bei der Auswahl der Arbeiter für diesen Bereich achten wir nicht zuletzt auch auf die Personenstruktur. Fast alle sind dafür geeignet, nur wenige können diese Tätigkeit aber für ihre Entwicklung nutzen. Wir suchen daher nach Schülern, die diese Form der Tätigkeit brauchen und nicht ausschließlich nach jenen, die das selbstverständlich können.

 

  • Außenarbeiten

 

Dieser Bereich umfasst die Betreuung öffentlicher Wiesenflächen, Gehsteige, Wege oder Treppen in der Nähe unserer Schule. Nach Absprache mit dem Wirtschaftshof der Stadtgemeinde Gmunden und der Naturgruppe der Lebenshilfe sind wir je nach Witterung mit entsprechender Ausrüstung tätig.

Hier ist Kraft und Ausdauer gefragt, aber auch Verlässlichkeit und der sichere Umgang im Straßenverkehr.

Wir versuchen im Prinzip zukünftige Mitarbeiter für Gemeinden oder andere Körperschaften auszubilden. So können im Idealfall Außengruppen installiert werden, die vor Ort vielseitig eingesetzt werden können. Der ständige Kontakt mit der Bevölkerung ist gesichert und Erfahrungsaustausch wird wahrscheinlich.

 

Wir trainieren:

-          Rasen mähen

-          Laub rechen

-          Schnee schaufeln

-          Gehsteige und befestigte Wege oder Stiegen reinigen

-          Sträucher oder Hecken zurück schneiden

-          Brennholz machen (sägen, hacken, aufstapeln)

 

Lebensbedeutsamkeit der Kulturtechniken

 

Die Arbeit mit unseren Kindern erfordert früher oder später eine neue Gewichtung von Unterrichtsinhalten. Das Erlernen von Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben oder Rechnen ist klarer Weise eines der bedeutendsten Ziele pädagogischer Arbeit. Schreiben und Lesen zu können bedeutet für nichtbehinderte Kinder, Fähigkeiten zu besitzen, die ihnen ermöglichen, komplexe Sachverhalte zu klären, sich mitteilen zu können, neues Wissen kann selbständig erlernt und angewandt werden.

Um Inhalte aus naturwissenschaftlichen Fächern erschließen zu können, bedarf es ebenfalls dieser Fähigkeiten. In der Regel ist auch die Fähigkeit zur Abstraktion vorhanden, es muss nicht ständig alles praktisch erprobt und erfahren werden.

Viele dieser als selbstverständlich geltenden Dinge stehen geistig behinderten Menschen nicht zur Verfügung.

Natürlich können einige von ihnen mit unglaublichem Aufwand Grundbegriffe der verschiedenen Kulturtechniken erlernen. Einige können diese sogar praktisch und für sie selbst lebensbedeutsam anwenden. Den meisten von ihnen gelingt dieser Transfer jedoch nicht. Sie erlernen Schrift als grafische Übung, Erlesenes wird als Ganzheit einem gesprochenen Wort zugeordnet. Der kommunikative Aspekt von aktiv und passiv verwendeter Schrift spielt jedoch keine Rolle.

Obwohl eine Wertung kaum möglich ist und immer subjektiv bleiben wird, erscheint doch gerade in den letzten Schuljahren eine Verlagerung auf lebenspraktische Schwerpunkte in der schulischen Arbeit sinnvoll. Erlernte Kulturtechniken finden bei uns auch nur mehr dort ihre Entsprechung, wo sie im Einzelfall verwendbar sind und das Kind klare Zusammenhänge zwischen abstrakten Zeichen oder Vorgängen und der entsprechenden Situation erkennen kann.

Schrift kombinieren wir immer wieder mit Piktogrammen oder Fotos, gerechnet wird mit Materialien, Fingern oder mit Münzen. Gerade im Umgang mit Geld lässt sich der Sinn mathematischer Arbeit brauchbar erleben.

Die Entwicklung aktiv genutzter Sprache hat ebenfalls einen hohen Stellenwert, Schrift ist hier zweitrangig. Gerade in Gruppensituationen ist es notwenig, sich zu artikulieren – egal wie. Gefühle wie Freude und Unmut müssen unmittelbar zum Ausdruck gebracht werden können, in entsprechender Art und Weise. Erfahrungsgemäß bedürfen unsere Kinder auch bei vielen Kleinigkeiten des täglichen Lebens unserer Hilfe. Auch da ist es notwendig, dass auf die notwendige Unterstützung hingewiesen werden kann. (Sprache oder Zeichen/Signale)

Einen Tag der Woche bieten wir die Möglichkeit, sich in Freiarbeit mit Materialien zum Erlernen verschiedener Kulturtechniken zu beschäftigen. So haben sie die Möglichkeit, Gelerntes zu verbessern oder zumindest zu erhalten. Als Alternative gibt es konkrete Arbeit.

Wir mussten in diesem Zusammenhang feststellen, dass Kinder, die Lesen und Schreiben gelernt haben, diese Fähigkeiten freiwillig kaum anwenden. Es fehlt ihnen ganz offensichtlich der Bezug zum praktischen Nutzen. Sie haben etwas gelernt, was für ihr Leben in ihrer persönlichen Situation und mit ihren Fähigkeiten nicht brauchbar ist.

 

Selbstversorgung – Selbständigkeit

 

Wir müssen viel Zeit und Geduld aufbringen, um unseren Kindern möglichst umfassende Strategien zu lernen, damit sie Alltagssituationen selbstbestimmt meistern können. Kinder, die darauf angewiesen sind, dass jemand kommt und ihnen zum Beispiel die Windeln wechselt, sollten lernen, eindeutige Zeichen zu setzen, damit eben diese Maßnahme dann erfolgt, wenn sie notwendig ist! Nicht erst dann, wenn ein Betreuer daran denkt oder dafür Zeit hat. Ebenso ist es mit vielen unserer Gruppe, die keine Masche binden können, keinen Reißverschluss schließen oder sich nach der Toilette nicht ordentlich reinigen können. Das sind elementare Lerninhalte auf dem Weg zu größtmöglicher Selbständigkeit und somit Selbstbestimmung. Wir wissen auch, dass manche Fähigkeiten gar nicht besonders erwünscht sind. Von den Eltern nicht und von Betreuern auch nicht. Ein Beispiel dafür wäre das Erlernen von „Türen öffnen“. Kinder die keine Gefahr abschätzen können, benötigen dann nämlich viel mehr Aufmerksamkeit. Andererseits eröffnen sie sich selbst völlig neue Perspektiven, die ihnen bis dahin im wahrsten Sinne des Wortes verschlossen blieben.

Wir lernen unseren Kindern, sich bei der Jause oder dem Mittagessen selbst zu organisieren, sich ihr Brot selbst zu streichen oder auch Getränke zu holen. Das ist oft immens zeitaufwändig. Haben neben uns auch die Eltern diese Zeit oder nach uns die entsprechende Betreuung?

Wenn wir unseren Kindern ständig den Weg von der Schule ins Stadtzentrum – zum Cafehaus oder in ein Geschäft zeigen, werden sie das irgendwann einmal alleine schaffen. Voraussichtlich auch dann, wenn sie es wollen und gerade niemand auf sie achtet. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, ob wir uns als Lehrer so weit zurück nehmen können (dürfen) und wie wir es schaffen, diese Selbständigkeit in eine Nachfolgeeinrichtung hinüber zu retten.

  

Sozialkompetenz

 

Meist erfolgt die Sozialisierung geistig behinderter Menschen im Beisein und unter Anleitung nicht behinderter Erwachsener. Es ist lange Zeit nicht feststellbar, ab wann unsere Kinder selbstbestimmt und zielorientiert handeln können. Nicht zuletzt deshalb, weil das verfügbare Angebot und Material auch nicht selbst ausgesucht wurde.

Eine reguläre Klassenstruktur hilft lange Zeit bei der Orientierung und der Suche nach persönlichen Interessen, spätestens aber mit Eintritt der Pubertät bei den nichtbehinderten Klassenkameraden brechen die Vorbilder weg. Freundschaften aus kindlicheren Zeiten mit dem geistig behinderten Mitschüler sind nicht mehr möglich, die ständige Obsorge durch Klassenkameraden verschwindet gleitend. Der soziale Lernprozess, den Integrationsklassen bieten können, wird gestoppt. Für das behinderte Kind bedeutet das letzt endlich eine unmittelbare Rückkehr zu Vorbildern wie den Eltern, den Lehrern oder den Busfahrern. Rückkehr ist hier durchaus negativ besetzt, weil die gesamte persönliche Entwicklung durch das Fehlen altersgemäßer Kontakte in Gruppen gestört wird. Lange Zeit lebten die Kinder in Illusionen, umhegt, bevorzugt und besonders liebevoll behandelt. Plötzlich werden sie zum Störfaktor – alleine durch ihre bloße Anwesenheit in der Gruppe. Es gibt auch plötzlich niemanden mehr, mit dem sie sich messen können. Im Extremfall landen sie unmittelbar nach ihrer Pflichtschulzeit in einer Gruppe mit enormen Altersunterschieden, strengen Regeln und gewachsenen Strukturen ohne jemals erfahren zu haben, dass es außerhalb ihrer Klasse noch etwas anderes gibt.

Wir versuchen, diesem Problem zu begegnen, indem großer Wert auf gruppendynamische Prozesse gelegt wird. Wir beobachten, wenn zwei streiten oder sich sogar anschreien. Wir versuchen, Ursachen für Zu – und Abneigung zu verstehen und gemeinsam Strategien zu entwickeln, damit sich zum Beispiel alle an einer Arbeit beteiligen, weil es eben gerade sein muss. Das Hervorheben und Respektieren der Individualität ist in allen Bereichen unserer Arbeit ein Prinzip. Kinder, die nicht miteinander können, müssen auch nicht. Aber wir erwarten einen respektvollen Umgang miteinander und auch fremden Personen gegenüber. Das kann eben nur außerhalb des Schulbetriebes erprobt werden

Im herkömmlichen Schulbetrieb sind neue soziale Erfahrungen irgendwann einmal einfach nicht mehr zu machen. Die Kinder wechseln vom Elternhaus über den Schulbus zur Klasse und retour. Das wird zum Ritual, vermittelt Sicherheit und Geborgenheit. Ein nahtloser Übergang in eine neue soziale Situation kann dann fatale Folgen haben. Vom Rückfall in frühkindliche Verhaltensmuster bis hin zu aggressiven Verhaltensmustern ist alles möglich. Behandelt wird dann meist das Kind, nicht die vielleicht sogar offensichtliche Ursache. Dem wollen wir so gut es geht entgegen wirken.

Unser Ziel ist es, neben der Herstellung einer Vielzahl außerschulischer Kontakte auch Begleitmaßnahmen beim Wechsel von Schule zu Arbeit anbieten zu können.

 

 Freundschaften – Beziehungen – Sexualität

 

Lange Zeit gelingt es, Bilder, Filme, Gespräche oder auch Situationen von geistig behinderten Jugendlichen fern zu halten, sobald es sich um Nacktheit oder gar sexuelle Akte und deren Vorstufen handelt. All das, was bei nicht behinderten Kindern ein großes Interesse weckt, danach zu fragen und selbst zu suchen, bleibt unseren Kindern lange Zeit verborgen. Das natürliche Interesse am anderen Geschlecht stellt sich sehr viel später ein, unbeeinflusst durch Informationen von außen.

In der Sekundarstufe können diese Entwicklungsunterschiede und auch deren Folgen gut beobachtet werden. Der nette, oft fürsorgliche Umgang miteinander und die selbstverständliche Rücksichtnahme auf Behinderung in der Klasse schwinden zunehmend mit dem Interesse der nicht behinderten Klassenkameraden an Körperlichkeit, an Freundschaften und ersten Berührungen. Das ist natürlich, verständlich und in gewissem Ausmaß auch in der Schule zu ermöglichen. Für unsere so genannten „Integrationskinder“ hört allerdings für sie völlig unverständlich und unvorbereitet das „integriert sein“ auf. Sie sind im Weg, oder zumindest nicht mehr im Mittelpunkt gemeinschaftlicher Interessen. Zusätzlich haben sie kaum Chancen, beim neuen Trend am Interesse des Anderen mit zu machen. Ihnen fehlen praktisch alle Voraussetzungen. Die ständige Beobachtung und Aufsicht - auch zu Hause – macht es ihnen unmöglich, sich mit ihrem Körper zu beschäftigen, mit anderen darüber zu kommunizieren, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen oder sich einfach etwas abzuschauen. Das später vielleicht zufällig mögliche Studium eines „BRAVO“ Heftes oder ähnlicher Zeitschriften überfordert und verunsichert zusätzlich.

Es scheint so, als würden unsere Kinder ihr „anders sein“ immer dann besonders wahrnehmen, wenn es sich um „messbare“ Verhaltensweisen in der sie ständig umgebenden Gesellschaft handelt. Beziehungsfähigkeit und der Zeitpunkt der ersten Freundschaft oder Liebe sind generell zum Gradmesser dafür geworden, ob ein junger Mensch zum Beispiel einer bestimmten Gruppe angehört oder nicht. In manchen Fällen entscheidet die subjektive Einschätzung dieser Phase sogar über Sinn und Unsinn des eigenen Lebens. Natürlich ist es oft nur ein erstes Abtesten des eigenen Entwicklungsstandes, jedoch ist dieser eben subjektiv und in diesem Stadium nur in Reflexion mit der Gruppe oder guten Freunden wahrnehmbar. Eltern spielen erfahrungsgemäß eine untergeordnete oder auch störende Rolle.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass diese Zeit der Entwicklung und Reifung nicht behinderten Jugendlichen und deren sozialem Umfeld enorm Substanz kostet, was bedeutet das erst für junge Menschen, die sich trotz ihrer Behinderung als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft sehen.

Hier Hilfen anzubieten heißt, über eigene Grenzen hinweg zu denken und auch zu handeln. Es müssen oft sogar künstlich Situationen hergestellt werden, die Phasen der sozialen Interaktion simulieren, um dem Anspruch nach lebensbedeutsamer Bildung Schwerstbehinderter auch nur annähernd gerecht werden zu können.

 

Walter Mayrhofer

Ingrid Kramesberger